06.05.2019 von ctrl.alt.coop

Alles muss man selber machen

Kommentar zu Kevin Kühnerts Kollektivierungsvorschlägen

neuköllnbild/Umbruch Bildarchiv

Als wir am 1. Mai unseren ersten Geburtstag im Grunewald feierten, spukte dort das Gespenst der Enteignung. Wir sind erfreut, dass das Volksbegehren “Deutsche Wohnen Enteignen” es geschafft hat, dass sich so viele Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und dem Gedanken der Kollektivierung nicht ganz abgeneigt sind.

Dass sich dann allerdings auch noch Kevin Kühnert von den Jusos am 1. Mai für die Kollektivierung großer Unternehmen stark macht überraschte uns sehr. Als Genossenschaft und Kollektiv begrüßen wir das natürlich. Wir glauben daran, dass es funktioniert, wenn Arbeiter*innen ihr Unternehmen verwalten und dass diese Organisationsform, nicht nur dem guten Leben der Angestellten, sondern auch dem guten Leben aller dienen kann.

Unternehmen wie Buurtzorg (Altenpflege) oder FAVI (Autozulieferer*innen) - die zwar leider nicht in kollektivem Besitz sind, aber immerhin ihren Angestellten deutlich mehr Recht auf Mitbestimmung (auch bei relevanten Entscheidungen, wie etwa den eigenen Gehältern) eingestehen - zeigen, dass eine andere und trotzdem profitable Organisation von Unternehmen möglich ist. Bei Buurtzorg organisieren sich beispielsweise 10-12 Angestellte in unabhängigen, weitgehend selbstbestimmten Teams und kümmern sich um ~50 Patient*innen. Dass dabei nicht nur die Zufriedenheit der Angestellten steigt, sondern auch Geld gespart wird, hat Ernest & Young 2009 bestätigt.

Kollektive und Genossenschaften gibt es in vielen Bereichen des Lebens, ob Zapatistischer Kaffee, Tee, Putzmittel, Druckereien, Tischlereien, Fahrradkuriere, Kneipen, Dorfläden, Allmende für ökologische Landwirtschaft, Ökostrom

In klassischen Unternehmen, in denen Profiteur*innen, Arbeiter*innen und Kund*innen jeweils verschiedene Gruppen mit teils konkurrierenden Interessen sind, entstehen Spannungsfelder in denen vor allem die Arbeiter*innenschaft leidet. Wir glauben daher an die Genossenschaftsidee, da sie allen Genoss*innen eine Partizipation garantiert und den Besitz demokratisch regelt. Besonders der letzte Grundsatz des Internationalen Genossenschaftsbundes Verantwortung für die Gesellschaft sollte unserer Meinung nach nicht nur für Genossenschaften gelten, sondern beispielsweise auch für Konzerne wie BMW oder VW.

Wer bei dem Wort “Enteignung” zusammenzuckt und an stagnierende Planwirtschaft und “10 Jahre auf sein Pappauto warten” denkt, dem*r würden wir entgegenhalten, dass dies auch nicht unsere Idee der Kollektivierung ist. Lasst uns doch damit anfangen Firmen zu verpflichten ihre Mitarbeiter*innen am Geschäftsgeschehen mitentscheiden zu lassen und ihre Finanzen transparent zu veröffentlichen. Wenn dann die Boni der Manager*innen und Rendite der einzelnen Investor*innen begrenzt werden, sind wir schon auf einem guten Weg zu mehr Gerechtigkeit.

Trotz Kühnerts überraschendem Vorstoß, rechnen wir leider nicht damit, dass der Rest der Politik sich so leicht überzeugen lässt und fangen schonmal selbst im kleinen an. Mach doch mit!

Unterstützt und kauft bei Kollektiven und Genossenschaften. Schaut dafür doch mal bei Union Coop und Kollektiv Betriebe vorbei. Oder gründet selbst eine Genossenschaft. Das ist dank des ZdK gar nicht so schwer - und ihr seid gleich in guter Gesellschaft ;) Lest euch in alternative Organisationsformen für Firmen ein - z.B. bei Reinventing Organisations oder engagiert euch in einer Gewerkschaft. Auch der Kampf für Betriebsräte und mehr Beteiligung für Angestellte ist richtig und wichtig. Und falls eure Firma dank des Managements Pleite machen sollte - versucht es doch mit einer Besetzung - bei Scop Ti und Vio.me hat es geklappt.

In diesem Sinne - Alles allen!