04.10.2021 von Jonatan Zint

ctrl.alt.coop - ein Zwischenstand

Nach drei Jahren lohnt es sich mal eine Zwischenbilanz zu ziehen

Ich bin vermutlich nicht der einzige, für den die letzten 18 Monate wie im Fluge vergangen sind. Bei mir sind es sogar die letzten 36 Monate. Es ist zwar eine Menge passiert in der Zeit, wenn ich jetzt aber zurückdenken soll, an die Zeit als ich mit meinem lieben Freund Felix angefangen habe unsere Genossenschaftssatzung, unseren ersten Auftrag und diese Webseite zusammenzubasteln, kommt mir das überhaupt nicht lange her vor.

Vielleicht fühle ich mich gerade deshalb, um diese seltsam flüchtige Zeit ein bisschen einzufangen, ermutigt einen kleinen Rückblick zu schreiben. Bisher hat mich die Sorge davon abgehalten, dass das Ergebnis eines solchen Textes nur altkluges oder belehrendes Gewäsch hervorbringt. Eine verlockende Sichtweise, vor allem wenn man in einem strapazierenden Arbeitsalltag steckt, der die pessimistische Grundveranlagung mit reichlich frischen Futter versorgt. Gerade habe ich aber einen längeren Urlaub hinter mir und kuriere einen kleinen chirurgischen Eingriff aus, was mir erlaubt, mit ein bisschen Abstand auf die Dinge zu blicken und eine möglichst ungefärbte Sichtweise auf die ersten 3 Jahre von ctrl.alt.coop zu bieten.

Kollektives arbeiten, was ist das?

Es steht ja genug dazu auf dieser Webseite. Die Chancen, dass der Begriff “Kollektiv” der*dem Lesend*in bekannt ist, mutmaße ich in diesem Artikel auch als hoch. Neben der allgemeinen Wortdefinition (Duden: Gruppe, in der Menschen zusammenarbeiten; Team) wird das Wort “Kollektiv” heutzutage als Sammelbegriff für Betriebe in Autogestion (Selbstverwaltung) verwendet. Aber was in der modernen alternativ-ökonomischen Szene als “Kollektiv” betitelt wird ist im Detail meines Erachtens gar nicht so klar.

Es gibt sehr detaillierte Auslegungen dazu, was ein Kollektiv leisten muss (etwa: union-coop) und eher grobe Visionen (etwa: kollektivbetriebe). Einige Akteur*innen definieren Kollektive auch, ohne auf die eigentliche Verwaltungsform einzugehen, wie etwa hier.

Meine Idee ein Arbeitskollektiv zu gründen (oder beizutreten, wenn ich ein passendes fände) reicht eigentlich bis zum Beginn meines Studiums zurück. Ich hatte damals schon nebenberuflich an irgendwelchen Webapplikationen herumgebastelt und habe viel darüber nachgedacht, wie ich eigentlich mal arbeiten will. Der Gedanke an eine lebenslange Bindung an ein Unternehmen widersprach mir, Probleme mit inkompetenten Autoritäten hatte ich schon immer und ich meine schon damals gemerkt zu haben, dass ein Beruf in der Softwareindustrie gelegentliche Sinnkrisen mitbringen wird.
“Nützt dieses tolle Promotion-Couponsystem mit dem wir nun tausende Nutzer*innen überfluten wirklich jemandem. Sind das 2 Wochen meines Lebens wert?”

Ich wollte also Kontrolle. Kontrolle darüber wo ich meine Zeit investiere, mit welchen Menschen ich meinen Tag verbringe. Welche Bürokodizes ich erfüllen muss, welchen Menschen ich mich bei der Arbeit unterwerfe (spoiler: Am liebsten niemandem). Ich glaube, dieses Bedürfnis kennen viele, vielleicht gar die meisten Menschen. Man könnten nun einfach Chef*in werden, dann hätte man diese Kontrolle (zumindest wenn man dann keine weiteren Chef*innen mehr über sich hat). Zum Glück widersprach das meinem Gerechtigkeitsanspruch. Wenn ich es schaffe so zu arbeiten, dann sollen zumindest meine unmittelbaren Kolleg*innen das gleiche Privileg genießen.

Resümiert kann man behaupten, der Antrieb ein Kollektiv zu gründen kommt eher aus einem simplen und eigennützigen Interesse. Plump gesagt: Ich wollte mit lässigen, gleichgesinnten Leuten in einem Altbaubüro abhängen, Mate trinken und programmieren, ohne dass ein*e Chef*in mit seinem verkackten Couponsystem durch die Tür spaziert.

Die Gründung

Im Mai 2018 sollte es so weit sein. Felix und ich hatten immer wieder davon gesprochen, bald konkret einen Softwarekleinbetrieb mit Selbstverwaltungsbestrebungen zu gründen. Zeitlich hat das nun endlich gepasst, da meine Elternzeit zur Neige ging und auch Felix sich nach etwas neuem umsah. Hoch motiviert schritten wir direkt zur Tat, haben mit der Unterstützung vom ZdK und einer Standardsatzung begonnen, die Gründung einer Genossenschaft umzusetzen. Dazu dann eine Webseite zusammengebaut und uns um so bürokratische Notwendigkeiten, wie Buchhaltungssoftware, Steuerberater, Versicherung, Prüfverband und so weiter gekümmert.
An dieser Stelle wollte ich festhalten, dass das Gründen einer Genossenschaft, doch wesentlich leichter war, als wir es befürchtet hatten. Für die Satzung gab es gute (kostenlose!) Hilfe vom ZdK, der Rest war im Grunde nicht anders als bei einer UG. Besonders teuer war es ebenfalls nicht, die Formalien (Notar, Gebühren etc.) deutlich unter 1000 €, die Genossenschaftseinlagen haben wir auf 500 € mindestens pro Person festgelegt.
Eine Softwarefirma zu gründen hat auch den verlockenden Vorteil, dass es sonst nicht viel braucht. Unsere Fähigkeiten und ein Computer reichen. Keine Maschinen, keine Lizenzen, keine Immobilien. Vielleicht noch koffeinhaltige Brause.

Durch Felix hatten wir durch einen alten Geschäftskontakt zum Glück auch sofort unseren ersten Auftrag. Und so begann es. Zwei Freunde programmieren selbstbestimmt vor sich hin. Erst bei mir zu Hause und schon wenig später an unserem ersten Standort in der Altstadt von Köpenick. Auf diese Zeit blicke ich sehr gerne zurück — aufregend und einfach zu gleich.

Geheimer Leak unseres Businessplan

Geheimer Leak unseres Businessplan

Neue Genoss*innen

Neue Genoss*innen

Wachstum, Wachstum, Wachstum

Zu zweit ist man nicht wirklich eine Gruppe, also auch kein Kollektiv. Wir waren im Grunde von Anfang an darauf aus mehr zu werden. Sobald unser Umsatz das rechtfertigen konnte, sind wir also gewachsen. So stieß im Herbst 2018 schon unser erstes Mitglied (nach Gründung) zu uns. Unsere kleine Köpenicker Arbeitsgemeinschaft wurde schnell größer und die Gemeinschaft dynamischer. Der erste Firmengeburtstag wurde dann schon zu viert gefeiert, mit einer Runde Exit-Room und gepflegtem Daydrinking mit Bewirtung auf Firmenkosten. Wir begannen Strukturen zur Selbstverwaltung einzuführen: Regelmäßiges Plenum und Termine um den Gruppenprozess zu begleiten (gerne abgekürzt Emoplenum genannt). Mit bis zu 6 Personen schien das auch noch effizient zu funktionieren. Konsense waren schnell erreicht, die Treffen wurden häufig primär zur Aufgabendelegation genutzt. Meine Befürchtungen, die sich vermutlich von früheren Politgruppen speiste, stundenlange und zähe Gruppensitzungen erleiden zu müssen haben sich nicht bewahrheitet.

Pandemie hits hard

Die Pandemie hat für andere Menschen mit Sicherheit wesentlich tiefere Einschnitte gebracht als für uns. Unsere Belegschaft hat einen zweiten Satz Arbeitsmittel bekommen, die dann zu Hause aufgebaut und fortan programmierten wir von zu Hause. Die Absprachen via Videokonferenz waren wir ja eh schon von Kund*innen gewohnt. Ich dachte zunächst also, dieser neue Arbeitsmodus ändert gar nicht viel. Erst jetzt nach etwa 18 Monaten Pandemie und einer echten Pause stelle ich fest, dass diese Zeit auch unserer Struktur zugesetzt hat. Meine These ist, dass “konventionelle” (oder vor allem größere) Softwareunternehmen den Home-Office Arbeitsmodus wesentlich besser verkraften konnten als wir. Unser Tagesgeschäft besteht nur zum Teil aus in den Bildschirm starren und Probleme lösen. Der Rest ist eine wilde Mischung aus Abstimmung, Visionsfindung, Austausch von Befindlichkeiten, Zukunftsplanung und, natürlich, mit lässigen, gleichgesinnten Leuten in einem Altbaubüro abhängen und Mate trinken. Nein, ernsthaft, ein Teil des Lohns dieses Jobs ist die Tatsache selbstbestimmt, auf Augenhöhe mit Freund*innen arbeiten zu dürfen. Die jetzt ständig nur im Bildschirm zu sehen stört den Betriebsablauf und schlägt nicht zuletzt auch auf das Allgemeinbefinden. Immerhin sind wir in ein neues Büro gezogen, um dem neuen Platzbedarf einer größer werdenden pulsierenden Bürokultur gerecht zu werden. Meine Hoffnung ist, dass wenn der Präsenzbetrieb wieder uneingeschränkt möglich ist, dieser gefühlte Rückschlag sich wieder legt.

Alles verändert sich

Trotz der neuen, pandemiebedingten Umstände haben wir es geschafft, bis heute auf 10 festangestellte Genoss*innen anzuwachsen. Dass die Einführung neuer Kollektivmitglieder auch überwiegend online stattfand, brachte ebenfalls einige Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig bekam ich das Gefühl, unsere Firma hat eine bedeutende Schwelle überschritten. Entscheidungsprozesse sind plötzlich nicht mehr so selbstverständlich und effizient. Nicht mal wegen Dissenzen, sondern weil Sitzungen mit mehr Menschen einfach länger dauern, die Themen vielfältiger werden, der anfängliche “Gründungszauber” raus ist und sich dadurch die Entscheidungsarbeit nicht mehr so motivierend ist, wie sie es einst mal war. Tatsächlich bringen die meisten von uns allerhand Gruppenerfahrung mit, weshalb dieser Umstand nicht wirklich überraschend ist. Die Lösungsansätze wurden schon in der Zeit, wo ich mit Felix noch allein war, andiskutiert, wie zum Beispiel sich Organisationsstrukturen anzueignen wie Holokratie oder (was wir schon fortschreitend praktizieren) Arbeitsgemeinschaften mit gewissen Entscheidungsbefugnissen zu delegieren. Vermutlich überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Umstrukturierungsbestrebungen von der pandemischen Lage sabotiert werden.
Und das ist heute ctrl.alt.coop, würde ich sagen.
Dass wir uns bis hier halten konnten und nun 10 Menschen, anstatt zwei, in dem Projekt einen (guten) Arbeitsplatz gefunden haben, macht mich glücklich.

Unser neuer Standort im Franz-Mehring-Platz 1

Unser neuer Standort im Franz-Mehring-Platz 1

Organisation im Kollektiv

Basisdemokratische Selbstverwaltung und Konsensprinzip — das sind Reizausdrücke musste ich feststellen. Während es als der Goldstandard der Gruppenorganisation in der emanzipatorischen Linken gehandhabt wird, hört man außerhalb dieser schnell Gegenargumente wie “Das geht ja mit einigen wenigen, aber irgendwann muss jemand sagen wo es lang geht” oder “Sobald Geld im Spiel ist, ist sich jeder selbst der nächste”. Letzteres würde ich mal direkt als paranoide Vorstellung von Verfechter*innen neoliberalen Gedankenguts beiseite wischen. Selbst innerhalb unserer Leistungsgesellschaft sehen wir fast schon unheimlichen Altruismus und Selbstaufopferungen im Job, selbst wenn es in keinem Verhältnis mit der eigenen Entlohnung steht. Totale Egozentriker*innen fand ich bislang nur in Kreisen, von denen ich eben jenen Satz gehört habe. Aber klar — man muss anerkennen, dass die Selbstorganisation nicht für jede*n ist. Die Grundeinstellung nicht nur zu seinem eigenen Vorteil handeln zu wollen ist ebenso wichtig, wie die Fähigkeit der Rest der Gruppe ein solches Verhalten erkennen zu können und sich im Zweifel davor zu schützen.

Dem anderen Punkt, Basisdemokratie scheitert irgendwann an der Komplexität der Aufgabe, messe ich viel Wahrheit bei. Jede Person macht Entscheidungsprozesse langwieriger und ab einem gewissen Grad wird der Entscheidungsaufwand zu groß um handlungsfähig zu bleiben. Jedes Kollektiv wird mit Sicherheit an diesem Punkt mal gewesen sein, zu überlegen wie man diese Balance zwischen dem Anspruch, einen wahren Konsens der Mitglieder beizubehalten, und der Not, handlungsfähig zu bleiben, gerecht wird. Auf diese Frage gibt es eine Menge Lösungsansätze und ich bin auch immer noch fest überzeugt, dass es möglich ist, Organisationen aufzubauen, die zumindest Teile dieses Ideals erfüllen.

Und jetzt?

Vermutlich hat sich meine Sicht darauf, was essenziell ist an einem “Kollektiv” seit der Gründung ein bisschen gewandelt. Während ich mein lauschiges Arbeitsumfeld natürlich immer noch sehr schätze (wenngleich durch Corona-Homeoffice weniger geworden), denke ich viel mehr über dessen gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz nach. Ich denke in etwa mehr über grundsätzliche Gerechtigkeitsfragen in Betrieben nach, als über den Entscheidungsprozess innerhalb eines Arbeitskollektivs. Der überwältigende Teil unseres gemeinsamen Wirtschaftens (und damit auch Wohlstandsverteilung) ist derzeit in der Hand von einzelnen Privatinteressen. Wenn es sie je gab, ist die soziale Marktwirtschaft nicht mehr existent. Das Vermögen der Superreichen ist gerade jetzt in Krisenzeiten in noch unvorstellbare Dimensionen gewachsen, während der Wohlstand derer, die nicht dazu gehören, weiter erodiert. Wir brauchen Wirtschaftsformen, die diesem Treiben selbstbewusst etwas entgegensetzen können, und nicht nur die Frage nach Profiten, sondern auch die Frage nach Gerechtigkeit beantworten können. Genossenschaften, Coops und Kollektive können das, denn sie schließen alle Betroffenen in die Entscheidungen mit ein und sichern das Wirtschaftsgut vor der ausschweifenden Profitgier Dritter. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass Unternehmen wie unsere eine zentrale Rolle in unserer Wirtschaft spielen. Ein nachhaltiges, genossenschaftliches Amazon zum Beispiel, wie wärs?

Fazit

Ich bin jedenfalls schon bis jetzt sehr froh, ctrl.alt.coop in Gang gebracht zu haben und hoffe sehr, dass wir unsere Erfolgsgeschichte weiterschreiben können. Ich hoffe auf Firmenfeiern, post-plenare Biersitzungen und natürlich spannende Aufträge. An dieser Stelle von mir also ein verspätetes: “Alles gute zum dritten Geburtstag ctrl.alt.coop!”